Sonntag, 19. Dezember 2021

2021 war ein gutes Jahr, Bsp.3


 
 
 
 
 
 
 
 
"Ich und ich im wirklichen Leben
Ich und ich in der Wirklichkeit
Ich fühle mich so seltsam (...)"
DAF. Ich und die Wirklichkeit  1979
 
 


2021 ist Gabi Delgado schon länger tot. Und das, was er als Haltung mit Hilfe von Punk so lautstark und unachahmlich verkaufte? Nun, das lebt schon wesentlich länger weiter - als bekannte Verpackung oder duftes Produkt. Ziemlich angestaubt. Und sehr, sehr klein.

2021 ist das Private pandemiebedingt in erster Linie wieder privat. Und plötzlich lautet die Devise: 

Hoppla, hier kommt "Ich"!

 - und zwar in einem Maße, wie das Ego vielleicht das letzte Mal in der eigenen Pubertät aufbegehrte und sich hemdsärmelig den Weg in den Vordergrund freischob... Dieses Mal macht es aber eher Angst, als dass es Befreiung verheißt.
 

Ja doch, die Pubertät hat ihren Platz und Funktion in der späten Nachkriegsgesellschaft: Auf den Tisch klopfen, "Hallo! Hier kommt eine autonome Persönlichkeit! Zieht euch alle mal warm an...".  So-tun-als-ob,  was man nicht alles gecheckt hat und anprangert usw usw usw...
Für den Pubertierenden alles ziemlich bedeutend und vermeintlich schrecklich wichtig. Für die adressierten Erwachsenen, die das alles bitte permanent spiegeln mögen, um sich in ihren Spiegeln überhaupt erkennen zu können, ziemlich nervtötend. Die Alten wissen jedoch aus eigener Erfahrung: Das geht vorbei. Und irgendwie ist man auch heilfroh, dass diese Phase vorüber ist - und mit ihr das ständige Herausposaunen eines vermeintlich selbst erfundenen, singulären Charakters, das lautstarke Herausplärren der mutigen Exploration - und das langsam einsetzende, stillschweigende Zurückkrabbeln in die sicheren Arme der Erwachsenenwelt. Gehört alles zu dieser Erzählung.  Und man landet mal mehr, mal weniger nah am Ausgangspunkt. So ganz geht es nie zurück zum Start. Was sich festhalten lässt: Am Ende ist doch eine Jede und ein Jeder etwas reicher an Erfahrungen, was Möglichkeiten und Grenzen anbelangt. 

Und Punk? Kann dabei das Reiseunternehmen sein, dass einen an Plätzen absetzen lässt, an dem ich mehr oder weniger zufrieden bin. Ohne kommt man gar nicht hin. Kommt eben darauf an, wo ich "Halt!" rufe...

Punk als kulturelles Phänomen ist gleichermaßen selbsternannte wie selbstbeschränkte Pubertät. Es ist immer dieselbe und irgendwie berechtigte Idee vom Beenden einer Geschichte und das Ausrufen eines (Auf-)bruchs. Das blieb nicht für eine bestimmte Generation reserviert, weil diese so dolle aufbegehrte und wahnsinnig einfallsreich, witzig und frech war. Jede und jeder hat das Recht zu fühlen: Ist ganz schön bunt und schillernd, das alles. Eben das alles hat aber eine Grenze. Und die ist ziemlich schnell erreicht. Von daher bleibt Punk geschichtslos - und wird ziemlich schnell öde, wenn sie zur Geschichte wird, die unbedingt fortgeführt werden möchte.

( kleine Randnotiz: Dass "Punk" sich nicht selbst erlegt hat, stattdessen lieber inkonsequent war und sich geschmeidig in das hässlichste aller kapitalistischen Stadien eingegliedert hat, hängt mit der innewohnenden Selbstoptimierung zusammen, die sich so wunderbar verträgt und herumkumpelt. Aber das ist ein anderes Thema...)

Machen wir es kurz. 2021 bot auch die Chance einer Erkenntnis. Punk: Das ist nicht viel. Aber wenn das auch wenig ist, so ist das doch schon zumindest etwas. Und das ist schon wieder im Spiegel of  society as we know it sehr viel. 

Gute Reise. Lebe wohl!




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